Kreislaufwirtschaft und ihr Wertschöpfungspotenzial für die deutsche Industrie

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Die Boston Consulting Group (BCG) hat im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) die Effekte der Kreislaufwirtschaft auf die Branchen Mobilität, Maschinenbau, Bauwesen, Energie sowie Textil untersucht. Demnach kann sich die zirkuläre Bruttowertschöpfung von heute 60Mrd.€ auf bis zu 125Mrd.€ im Jahr 2045 mehr als verdoppeln – und das innerhalb bestehender Industrie- und Wertschöpfungsstrukturen. Die zusätzliche Wertschöpfung könnte sich laut Studie kumuliert bis 2045 auf bis zu 880Mrd.€ summieren.

Hohe Importabhängigkeit

In der Mitteilung zu den Studienergebnissen betonen die Studienverantwortlichen die Abhängigkeit der deutschen Industrie bei Schlüsselmaterialien für Zukunftstechnologien. So liegt die Importquote bei Rohstoffen wie Lithium, Nickel und Seltenen Erden bei nahezu 100%. Entsprechend schlagen geopolitische Spannungen, Exportrestriktionen und Preissprünge direkt auf Lieferketten und Wettbewerbsfähigkeit durch. Zudem verschärft sich der globale Wettbewerb um ein begrenztes Angebot an kritischen Rohstoffen; Kupfer und Aluminium verteuerten sich in den vergangenen fünf Jahren um rund 60%, und der Lithiumpreis schwankte zwischen 10.000 und mehr als 50.000€ pro Tonne. Silber erzielte Anfang 2026 ein neues Allzeithoch – getrieben durch wachsende Nachfrage aus Elektromobilität und Erneuerbaren Energien, während die Förderkapazitäten global kaum Schritt halten konnten.

„Bis 2040 wird die Nachfrage nach kritischen Mineralien das Primärangebot übersteigen. Die hohe Importabhängigkeit bei Schlüsselrohstoffen ist schon heute die Achillesferse des Industriestandorts Deutschland. Kreislaufwirtschaft kann helfen, diese Verwundbarkeit zu verringern – zusammen mit mehr Diversifizierung sowie heimischer Rohstoffförderung und -verarbeitung“, sagt Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BDI.

Recycling und Wiederverwendung

Laut Analyse könnten Recycling und Wiederverwendung bis 2045 zwischen 20 und 40% der strategischen Rohstoffimporte ersetzen. So könnten die Importabhängigkeit bei Seltenen Erden um bis zu 20% und bei Batteriematerialien um bis zu 10% sinken. Die Studienautoren verweisen zudem auf einen relevanten Klimaeffekt: Die Treibhausgasemissionen könnten sich um weitere 11Mio. Tonnen reduzieren und die Kosten der Energiewende bis 2045 kumuliert um fast 40Mrd.€ gesenkt werden. Die Wiederverwendung und Aufbereitung von Komponenten für Windturbinen, Transformatoren und Batterien ermöglicht einen kosteneffizienteren Aufbau der Energiewende-Infrastruktur und verringert zugleich die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen.

„Kreislaufwirtschaft ist kein reines Nachhaltigkeitsthema, sondern in vielen Bereichen ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell“, sagt Patrick Herhold, Co-Leiter des Bereichs Klima und Nachhaltigkeit bei BCG und Senior Partner. „Wert kann dort entstehen, wo Unternehmen Materialflüsse kontrollieren, Rückgewinnung industriell skalieren und Sekundärrohstoffe wettbewerbsfähig einsetzen.“

Mit Circular Economy zum Standortvorteil

Laut Analyse hat Deutschland gute Voraussetzungen, um aus einer ambitionierten Circular Economy einen Standortvorteil zu entwickeln. So könnten bis 2045 jährlich bis zu 83Mio. Tonnen Rezyklate verfügbar gemacht und zentrale Materialströme stärker im Inland gehalten werden. Darüber hinaus beschreiben die Studienverantwortlichen zusätzliche Wachstumsmärkte durch die Kreislaufwirtschaft – etwa für Anlagen und Software mit einem globalen Volumen von über 150Mrd.€. Die Analyse meint hier vor allem Sortier- und Recycling-Technologien – ein Wachstumsmarkt, in dem der deutsche Maschinenbau als Technologieführer eine Schlüsselrolle einnehmen kann.

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