Wie Europa im KI-Rennen erfolgreich sein könnte

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Mit dem Ziel, den Mitgliedstaaten und der Europäischen Kommission Handlungsfähigkeit zu verschaffen, hat die Expertenkoalition, der unter anderem Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Ifo-Präsident Clemens Fuest angehören, eine Transformative-AI-Strategie veröffentlicht. Darin wird dargelegt, wie sich Europa ihrer Ansicht nach Zugang zu Spitzen-KI sichern, den Ausbau der Infrastruktur auf europäischem Boden fördern und seine Bürgerinnen und Bürger vor KI-bedingten Krisen wie Cyberangriffen und biologischen Sicherheitsrisiken schützen kann. Zudem adressiert das Strategiepapier das Ziel, dass europäische Institutionen mit anderen globalen Mächten Schritt halten können.

Die Autorinnen und Autoren sind überzeugt, dass Europa mit der Umsetzung der Empfehlungen auf einen Kurs gebracht werden kann, um im KI-Zeitalter erfolgreich zu sein. Sie betonen jedoch auch, dass sich das Zeitfenster schnell schließt, da andere Länder wie China und die USA mit Investitionen und der Gewinnung von Spitzentalenten weiter voranschreiten.

Margrethe Vestager, ehemalige geschäftsführende Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Kommissarin für Wettbewerb, stellvertretende Ministerpräsidentin Dänemarks und Mitautorin der Strategie, erklärte: „Wir dürfen nicht zulassen, dass Europa zum Spielfeld ausländischer Mächte wird. Unsere Bürgerinnen und Bürger spüren bereits heute die wirtschaftlichen und sozialen Folgen von Entscheidungen, die anderswo getroffen werden. KI wird diese Entwicklung beschleunigen und unser persönliches Leben, unsere Beziehungen, unser Lernen und unsere Arbeit in einem beispiellosen Tempo verändern. Wenn die Wertschöpfung außerhalb unserer Grenzen stattfindet, werden wir diesen Veränderungen mit weniger Mitteln begegnen können. Das sollte uns weit mehr beunruhigen, als es derzeit der Fall ist. Wir müssen handeln.

Vestager betont weiter, dass Regierungen in der Union KI entweder nicht ernst genug nehmen würden oder sich auf andere Prioritäten konzentrierten. „Die Empfehlungen in diesem Bericht sind konkret und sofort umsetzbar. Kommission und Mitgliedstaaten können jetzt handeln. Nichts sollte uns davon abhalten!“

Die Ressourcen sind da

Die Autoren heben hervor, dass Europa über die nötigen Ressourcen verfügt, um im KI-Zeitalter zu bestehen. Es habe einen großen Markt, mehrere Schlüsselunternehmen in der KI-Lieferkette – etwa den Lithografie-Marktführer ASML – sowie starke technische Talente. In der Pressemitteilung heißt es jedoch auch: „Je näher wir jedoch einer Welt kommen, in der KI dominiert, desto stärker dürften Europas Stärken relativ an Wert verlieren, während der verlässliche Zugang zu KI an der globalen Spitze deutlich schwieriger werden könnte.“

Um in kritischen Bereichen wie Verteidigung, Cybersicherheit oder Wissenschaft nicht ins Hintertreffen zu geraten, fordern die Autoren, dass sich Europa entweder Zugang zu ausländischer Spitzen-KI sichert oder selbst wettbewerbsfähige Spitzen-KI entwickelt. In ihrem Strategiepapier behandeln sie beide beide Ansätze, konzentrieren sich angesichts hoher Kosten eines eigenen europäischen KI-Projekts jedoch auf den Zugang zu den weltweit fortschrittlichsten KI-Modellen.

Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Mitentwicklerin der Strategie, sagt: „Unseren Prognosen zufolge benötigt Europa bis 2030 45 Gigawatt an zusätzlicher Energie für Datenzentren, wenn es bei dieser kritischen Infrastruktur nicht von ausländischen Mächten abhängig sein will. Dafür sind Investitionen in der Größenordnung von 1,3 Billionen Euro erforderlich, und europäische Unternehmen allein werden das nicht stemmen können. Deshalb müssen wir mehr für Investitionen aus dem Ausland tun.“

Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts und Mitautor, kommentiert: „Europa droht ohne entschlossenes Handeln ab diesem Jahr eine dauerhafte Marginalisierung. Europäische Modellentwickler erwirtschaften zusammen weniger als 2 % des Umsatzes von nur zwei US-amerikanischen Konkurrenten, der Ausbau von Datenzentren ist im internationalen Vergleich ungenügend. Die europäischen Institutionen sind nicht dafür gerüstet, einen raschen und holprigen Übergang zur transformativen KI zu bewältigen. Insgesamt bedroht dieser Status quo den Wohlstand, die Souveränität und die Sicherheit aller Europäer.“

Was die die Transformative-AI-Strategie empfiehlt

Die Autorinnen und Autoren raten den Mitgliedstaaten und der Europäischen Kommission dazu, die folgenden Ziele mit höchster Dringlichkeit zu verfolgen:

Eine Allianz der Mitgliedstaaten für sichere Lieferketten schaffen: Europäische Länder beherbergen zentrale Engpassstellen der globalen KI-Lieferkette, nutzen deren strategisches und wirtschaftliches Potenzial jedoch nicht aus. Eine Allianz williger Mitgliedstaaten könnte dies in Abstimmung mit der Europäischen Kommission zum Nutzen der gesamten Union ändern. Europäische Institutionen fit für eine transformative KI-Welt machen: Spitzen-KI-Expertise und -Technologie in die europäischen Institutionen holen, damit diese mit der technologischen Entwicklung Schritt halten können. Europas Anteil an globaler KI-Rechenleistung auf ‚europäische Art‘ sichern: KI-Rechenzentren auf europäischem Boden ermöglichen dauerhaften Zugang zu ausländischen KI-Modellen und verhindern Abhängigkeiten. Europa sollte deren Bau deutlich erleichtern und zugleich sorge tragen, dass KI-Unternehmen sicherstellen, dass lokale Gemeinschaften davon profitieren. Als ziel nennen die Beteiligten einen Anteil von 15% an der weltweiten KI-Rechenzentrumskapazität bis 2030 – gegenüber derzeit rund 5%.

Resilienz gegenüber KI-Krisen sicherstellen: Transformative KI könnte erhebliche Bedrohungen für die öffentliche Sicherheit mit sich bringen und großflächige Katastrophen auslösen. Die Beteiligten fordern, dass Europa unter anderem seine kritische Infrastrukturen härtet, Krisenressourcen vorhält und die Fähigkeit aufbaut, durch KI ermöglichte Cyber-, biologische und Kontrollverlust-Vorfälle zu bewältigen. Europa zum globalen Marktführer bei Prüf- und Sicherungstechnologie machen: Darin, Europa zum Innovationsführer bei KI-Hardware zu machen, deren Sicherheit und Nutzungsmuster nachweisbar sind, sehen die Autorinnen und Autoren eine mögliche Voraussetzung dafür, ausländische Spitzenmodelle zu beherbergen und die Einhaltung künftiger internationaler KI-Vereinbarungen zu überprüfen.

Mitgliedstaaten und Europäische Kommission sollten nach Ansicht des Konsortiums zudem weitere Ziele entlang von drei Säulen verfolgen:

Zugang zu Spitzen-KI sichern: Europa sollte seine technologischen und wirtschaftlichen Stärken nutzen, um verlässlichen Zugang zu ausländischen Spitzen-KI-Fähigkeiten zu verhandeln – und diese Werte zugleich vor ausländischer Übernahme oder Wertverlust schützen. Wirtschaftliche Stärke aufbauen: Eine weiteres Zielbild sollte sein, dass Europa zu einem attraktiven Standort für schnell wachsende Unternehmen wird. Die Ökonomen nennen als Ansätze dafür etwa Reformen, den Ausbau bestehender Stärken und gezielte Wetten auf vielversprechende neue Zukunftsfelder. Sicherheit gewährleisten: Die Europäische Kommission sollte sicherstellen, dass die Durchsetzung ihres Code of Practice zur Minderung extremer (’systemischer‘) Risiken durch Spitzen-KI – von vielen, auch den regulierten Unternehmen, als angemessen gelobt – auf technischen Bewertungen und nicht auf politischen Erwägungen beruht. Die Autorinnen und Autoren der Strategie fordern darüber hinaus, dass EU-Mitgliedstaaten Beschäftigte vor Verwerfungen am Arbeitsmarkt schützen.

Insgesamt werden in der Transformative-AI-Strategie mehr als 40 Empfehlungen beschrieben. Sie ist hier zum Download verfügbar: transformative-ai.eu