
China gestaltet die Fabrik der Zukunft, während Europa, insbesondere die DACH-Region, mit der Vergangenheit kämpft. Dies ist ein?Fazit, das die Autoren des Industrie-4.0-Barometers 2026 ziehen. Die Management- und IT-Beratung MHP hat die Auswertung gemeinsam mit Prof. Dr. Johann Kranz von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) veröffentlicht. Demnach bremsen gewachsene IT- und OT-Landschaften sowie fragmentierte Datenstrukturen den Fortschritt. Währenddessen übernimmt China die Spitzenposition in den Bereichen Supply-Chain-Transparenz, digitaler Zwilling, Automatisierung und KI.
Digitalisierungsgrad steigt weltweit
International nimmt der ermittelte Digitalisierungsgrad der Industrie weiter zu: Der Gesamtbarometerwert erhöht sich von 48% im Jahr 2022 auf heute 68% in allen Themenbereichen. Allerdings sind dabei zwei Regionen deutlich in Rückstand geraten: DACH stagniert bei 57%, das Vereinigte Königreich sinkt auf 62% (-2% gegenüber dem Vorjahr). Währenddessen erreichen China 72% (+3%), die USA 69% (+3%), Indien 68% und Mexiko 67%.
„Weltweit steigt der Digitalisierungsgrad in der Industrie, auch Europa kommt voran“, sagt Dr. Johann Kranz, Professor für Digital Services und Sustainability an der LMU München. „Doch im Ländervergleich setzen USA und China digitale Produktionstechnologien schneller, integrierter und skalierbarer als europäische Unternehmen um. Auch Indien und Mexiko, die wir erstmals mit analysieren, zeigen teilweise bessere Ergebnisse.“
Technische Schulden wirken als Bremse
Laut Barometer wird die digitale Transformation meist durch technische Schulden gebremst: Heterogene Altsysteme, fragmentierte Datenlandschaften und begrenzte Interoperabilität erschweren die Einführung neuer Technologien. Beispielsweise bewerten 42% der befragten DACH-Unternehmen ihre Datensilos als Hemmnis, 52% ihre historisch gewachsenen IT-Systeme. Weltweit zeigt sich ein ähnliches Bild: Die Autoren verweisen jedoch darauf, dass die klassischen Hindernisse in unterschiedlichem Tempo überwunden werden. Das zeigt sich in der diesjährigen Studie vor allem in den drei Bereichen digitaler Zwilling, Künstliche Intelligenz und Software-Defined Manufacturing. In der industriellen Bildverarbeitung stellen PC-basierte Systeme oft eine technische Hürde dar. Die Trennung von Bildaufnahme und Datenverarbeitung führt häufig zu Latenzen, erhöhtem Platzbedarf und einem komplexen Wartungsaufwand. Besonders in schnellen Produktionslinien erschwert die Synchronisation zwischen Sensor und externem Rechner eine stabile Prozesskontrolle. ‣ weiterlesen
Präzise 2D-Inspektion mit nativer Edge-Intelligenz
Digitaler Zwilling verbreitet sich schneller als andere Technologien
Der Barometerwert für den Einsatz des digitalen Zwillings in Werken und Maschinen steigt von 54% auf aktuell 62%, im Anwendungsbereich Logistik von 61 auf 67%, was auch den größten Sprung von ursprünglich 30% (2022) darstellt. Damit etabliert sich der digitale Zwilling schneller als jede andere der abgefragten Technologien. Über alle Anwendungsfelder hinweg nimmt China beim digitalen Zwilling eine klare Spitzenposition ein. Besonders ausgeprägt ist der Logistik-Kontext: 84% der befragten chinesischen Unternehmen setzen dort partiell oder vollständig auf diese Technologie. Dahinter folgen Mexiko (74%), Indien (68%), die USA (61%) und das Vereinigte Königreich (54%). Die DACH-Region bildet mit 42% das Schlusslicht.
KI-Hype-Gap in der DACH-Region
Auch im Umgang mit künstlicher Intelligenz im Produktionsumfeld nehmen China und die USA im Barometer eine Vorreiterrolle ein: Bei partiellem oder vollständigem KI-Einsatz liegen die chinesischen Teilnehmer mit 71% vorn, gefolgt von Indien mit 61% und den USA mit 57%. Mexiko (51%) und das Vereinigte Königreich (48%) bilden das Mittelfeld, während die DACH-Region mit 37% hinten liegt. Die Ergebnisse zeigen, dass viele europäische Unternehmen hier eher vorsichtig agieren. Sie setzen KI bislang nur pilotartig ein, eine tiefe Integration in Produktionsprozesse fehlt. Gleichzeitig wird der zukünftige Einfluss von KI hoch eingeschätzt, beispielsweise rechnen 51% der DACH-Unternehmen mit „erheblichen“ oder „bahnbrechenden“ Auswirkungen in den kommenden fünf Jahren. Diese Lücke verdeutlicht: Ohne solide Grundlagen bei Dateninfrastrukturen, Sensorik und digitalen Zwillingen können smarte Algorithmen nicht produktiv wirken. So bleibt KI in der industriellen Praxis ein Zukunftsversprechen, wird aber kein wirksamer Produktivitätshebel (KI-Hype-Gap).
Software-Defined Manufacturing (SDM) als neue Schlüsselkompetenz
Software-Defined Manufacturing (SDM) hat zum Ziel, die Produktionssteuerung von physischer Hardware zu entkoppeln und einen zentralen Software-Layer zu schaffen, der die Fertigung flexibel, skalierbar und standortübergreifend macht. Den Barometer-Ergebnissen zufolge nehmen CIOs hier eine Schlüsselrolle ein und werden zu Architektinnen und Architekten der digitalen Fabrik, verantwortlich für IT-/OT-Integration, Datenkompetenz und Investitionspriorisierung. Unternehmen mit CIO geben in der Untersuchung signifikant häufiger an, mit dem SDM-Konzept vertraut zu sein (+33,2%), und integrieren es eher in ihre Gesamtstrategie (+18,4%). Zudem steigt die Investitionsbereitschaft (+13,8%), während die Budgetbindung an Wartungsaufwände sinkt (-26,2%).
Vergleicht man die Vertrautheit mit dem noch jungen SDM-Konzept, sind Indien und China Vorreiter: Die Befragten bescheinigen sich mit jeweils 30% eine „sehr hohe“ Vertrautheit. In der DACH-Region (3%) und im Vereinigten Königreich (6%) ist der Anteil deutlich geringer. Die USA (14%) und Mexiko (18%) liegen im Mittelfeld.
Mehrheit erwartet weitere Umbrüche
Durch Digitalisierung und softwaregesteuerte Ansätze erwartet die Mehrheit der Befragten weltweit erhebliche Umbrüche in den kommenden zehn Jahren. 31% gehen fest davon aus, dass sich ihre Branche grundlegend verändert, und weitere 51% halten es für wahrscheinlich. Bei dieser Einschätzung gibt es wieder deutliche regionale Unterschiede: In Indien sind 44% der Befragten überzeugt, dass softwaregesteuerte Ansätze ihre Branche umgestalten, während in der DACH-Region der Anteil lediglich bei 17% liegt.
71% der Befragten aus Indien geben an, dass ihre Unternehmen bereit sind, erhebliche Ausgaben für neue digitale Technologien zu tätigen. Mexiko (65%) und die USA (59%) folgen. Erschreckend ist das Ergebnis für die DACH-Region: Dort liegt die Investitionsbereitschaft bei 29%.
„Die DACH-Region fokussiert sich stark auf Effizienz und Kostenoptimierung, wodurch strategisches Potenzial für Wachstum, Flexibilität und Innovation häufig ungenutzt bleibt“, kommentiert Prof. Dr. Christina S. Reich von der FOM Hochschule für Oekonomie & Management sowie Managerin bei MHP. „Derweil verfolgen Emerging Markets wie Indien, China und Mexiko differenziertere strategische Ziele.“ Reich verweist hier etwa darauf, dass Indien aufgrund der historischen Wettbewerbsposition und des globalen Drucks gezielt auf Qualitätssteigerung setzt, um internationale Standards zu erfüllen und neue Märkte zu erschließen.
Anhand der Ergebnisse sehen die Studienverantwortlichen Europa vor einer massiven Modernisierungsaufgabe und nennen den Abbau technischer Schulden, die Vereinheitlichung von IT-/OT-Strukturen und die konsequente Ausrichtung der Produktion auf softwarebasierte, skalierbare Architekturen als zentralen Hebel für internationale Wettbewerbsfähigkeit. SDM wird zum Gradmesser für industrielle Zukunftsfähigkeit – und zum kritischen Erfolgsfaktor im Kontext von Industrie 4.0.














