Lernen muss auch Abläufe verändern

Professional teacher showing carpentry machinery to students
Professional teacher showing carpentry machinery to students

Mehrtägige Workshops, Blockseminare und Schulungen in einem separaten Raum lassen sich mit Schichtbetrieb, Maschinentaktung und knappen Personaldecken kaum vereinbaren. Ein Facharbeiter kann seine Tätigkeit selten für zwei Tage unterbrechen, wenn seine Erfahrung an einer Anlage gebraucht wird.

Daher sollten sich Lernangebote am Arbeitsrhythmus des Betriebs orientieren. Kurze Einheiten am Arbeitsplatz und konkrete Übungsaufgaben sind leichter integrierbar und direkt anwendbar. Beschäftigte lernen eine neue Funktion im Betrieb an der Maschine kennen und besprechen Fragen im Team. Reale Bedingungen wie Zeitdruck, Materialschwankungen und individuelle Maschinenkonfigurationen muss das Lernprogramm für eine erfolgversprechende Vermittlung von vornherein berücksichtigen.

Autorin Janine Kappenberg, Mitgründerin und Consultant der People-&-Organisational-Development-Agentur Sapered.
Autorin Janine Kappenberg, Mitgründerin und Consultant der People-&-Organisational-Development-Agentur Sapered. Bild: Sapered GmbH

Lernen in bestehende Prozesse einbetten

In der Regel verfügen mittelständische Unternehmen über kein eigenes Learning Management System oder über große Trainerkapazitäten. Denn eine umfangreiche Lerninfrastruktur bindet Ressourcen und verlangt wiederholende Abläufe abseits der operativen Produktion. Zweckmäßiger ist es, vorhandene Prozesse zu nutzen. Beispielsweise können Schichtbesprechungen Lernimpulse aufnehmen oder Qualitätsrunden typische Fehlerbilder analysieren. Bei der Einführung einer neuen Anlage lassen sich Lernschritte mit dem Hochlauf verbinden. Erfahrene Beschäftigte bringen reale Fälle ein, neue Kolleginnen und Kollegen schildern Beobachtungen aus der Einarbeitung.

Wichtig: Vor Beginn einer Maßnahme sollte feststehen, welches Verhalten der Mitarbeitenden sich verändern soll und welchen Nutzen das Unternehmen erwartet. Bei einer durch KI gestützten Qualitätsprüfung kann das Ziel darin bestehen, Auffälligkeiten früher zu erkennen und Ergebnisse konsequenter zu dokumentieren. Bei einer neuen Produktionssoftware geht es möglicherweise um verlässlichere Übergaben oder weniger manuelle Korrekturen. Gehen Produzenten Weiterbildung auf diese Weise an, ergeben sich die zu vermittelnden Inhalte aus den Anforderungen.

Wirkung mit vorhandenen Kennzahlen belegen

Weiterbildung gilt als Kostenstelle. Sobald Aufträge zurückgehen oder Margen unter Druck geraten, steht das Budget zur Disposition. Ein wesentlicher Grund dafür liegt im fehlenden Wirkungsnachweis. Teilnehmerzahlen und Zufriedenheitswerte zeigen zwar, wie die Belegschaft die Maßnahme aufnahm. Über die betriebliche Leistungsentwicklung sagen sie jedoch wenig aus.

Produzierende Unternehmen verfügen jedoch bereits über passende Kennzahlen: Gesamtanlageneffektivität, Ausschussquote, Durchlaufzeit und Einarbeitungsdauer bilden konkrete Veränderungen im Betrieb ab. Unternehmerische Lernziele sollten von Anfang an mit diesen betrieblichen Kennzahlen verknüpft sein. Entscheidend ist, ob nach einer Qualifizierung die Fehlerquote sinkt, neue Mitarbeitende eine Anlage schneller selbstständig bedienen und Störungen früher erkannt werden. Dafür braucht es:

• einen Ausgangswert,

• einen realistischen Beobachtungszeitraum,

• eine klare Beschreibung des erwarteten Verhaltens.

Ein Vergleich zeigt, ob sich die Entwicklung in die gewünschte Richtung bewegt.

Persönlicher Transfer

Fachkräftemangel und Generationswechsel verschärfen den Handlungsdruck für Wissenstransfer: Scheiden langjährige Mitarbeitende aus, verlieren Unternehmen wertvolles Spezialwissen. Ein Handbuch dokumentiert zwar Abläufe, gleicht aber oft nicht die fehlende Erfahrung der Fachkräfte aus. Der Transfer gelingt besser, wenn erfahrene Beschäftigte reale Situationen erklären und neue Kolleginnen und Kollegen schrittweise Verantwortung übernehmen. Lernpartnerschaften und begleitete Praxisaufgaben zeigen hier Entscheidungswege auf. Für Unternehmen gilt es, dafür Zeit bereitzustellen und das Anlernen als produktionsrelevante Aufgabe zu behandeln. Ein ähnliches Vorgehen empfiehlt sich für die Vermittlung und das Erlernen digitaler Kompetenzen.

Führungskräfte tragen den Wandel

Technische Veränderungen beginnen oft in der Unternehmensführung mit einer Investitionsentscheidung. Im Betrieb müssen sie aber von Menschen umgesetzt werden. Führungskräfte sind daher prägend für die Einführung von Neuerungen und Verhaltensänderungen. Ob Teams Fragen offen ansprechen, Fehler auswerten oder neue Verhaltensweisen erproben – die Führungsebene muss vorleben und befähigen. Leader brauchen Kommunikationsstärke, Sicherheit im Umgang mit Widerständen und die Fähigkeit, Verantwortung zu übertragen.

Sie müssen Lernprozesse begleiten, Rückmeldungen ermöglichen und Beschäftigten Orientierung und Gelegenheit zum Ausprobieren geben, um die volle Leistung der neuen Technik zu erfahren.

Im Rahmen eines Projekts der ’People & Organisational Development’-Agentur Sapered beim Unternehmen Novelis wurden angehende Führungskräfte auf ihre künftige Rolle vorbereitet. Im Mittelpunkt stand die Kommunikation im Arbeitsalltag. Kleine Gruppen arbeiteten an konkreten Situationen und erprobten neue Vorgehensweisen. Moderiertes Peer Learning schuf Raum für den Austausch. PowerPoint-Karaoke diente als Refresher, half beim Abbau von Präsentationsangst und stärkte die Eigenverantwortung.

Erfahrungswissen bewahren

Gerade Unternehmen ohne eigene Abteilung für Lernen und Entwicklung brauchen keinen reinen Anbieter von Lerninhalten. Es geht vielmehr darum, den Arbeitskontext zu analysieren, passende Formate zu entwickeln und mit dem Betrieb messbare Ziele festzulegen. Ein entsprechender Partner kann die Anwendung begleiten und prüfen, ob sich das erwartete Verhalten entwickelt. Zudem überwacht er, ob die Weiterbildung die wirtschaftliche Relevanz erreicht. Richten Unternehmen das Lernen darauf aus, unterstützt dies technologische Veränderungen und hält Erfahrungswissen im Betrieb.